Nähe zählt, nicht nur aktive Nutzung
Forschung deutet darauf hin, dass ein Handy die kognitive Leistung beeinflussen kann, auch wenn es stummgeschaltet ist und nicht aktiv genutzt wird.
Schulen · Ressource
Was die Forschung über Handys im Klassenzimmer, Aufmerksamkeit, schulische Leistung, psychische Gesundheit und analoges Lernen sagt. Zentrale öffentliche Quellen finden Sie weiter unten.
Der wissenschaftliche Blick
Die Debatte über Handys in Schulen wird oft emotional geführt. Forschung von Institutionen wie LSE, OECD, Stanford und weiteren hilft einzuordnen, was die ständige Verfügbarkeit von Geräten für Aufmerksamkeit, Lernen und das Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern bedeuten kann. Im Folgenden fassen wir die Erkenntnisse in vier Kapiteln zusammen und verlinken die wichtigsten zitierten Studien.
Aufmerksamkeit & Leistung
Die Aufforderung, das Handy lediglich wegzulegen, beseitigt seine kognitive Wirkung möglicherweise nicht vollständig. Forschung deutet darauf hin, dass bereits die Nähe Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis beeinflussen kann, auch wenn das Gerät nicht genutzt wird.
Die Ward-Studie (UT Austin, 2017) testete 800 Teilnehmende unter drei Bedingungen: Handy auf dem Tisch, Handy in der Tasche und Handy in einem anderen Raum. Im Experiment verbesserte sich die Arbeitsgedächtnisleistung mit zunehmender Distanz zum Handy, ein Effekt, den die Forschenden als Brain Drain beschrieben.
Die LSE-Studie (Beland & Murphy, 2015) untersuchte 91 britische Schulen mit 130'000 Lernenden. Nach der Einführung von Handyverboten stiegen die durchschnittlichen Prüfungsergebnisse um 6,4% einer Standardabweichung; die grössten Verbesserungen zeigten sich bei leistungsschwächeren Lernenden. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass konsequente Einschränkungen Leistungsunterschiede verringern können.
OECD PISA 2022 befragte rund 600'000 Lernende in 81 Ländern zu digitaler Ablenkung. Etwa drei von fünf berichteten, im Unterricht durch Geräte abgelenkt zu werden. Höhere berichtete Ablenkung ging mit niedrigeren Mathematikleistungen einher.
Leistung und Aufmerksamkeit
Nach Handyverboten verbesserten sich die Prüfungsleistungen, am stärksten bei leistungsschwächeren Lernenden. Beland & Murphy, LSE, 2015 · 91 Schulen, 130'000 Lernende.
Im Experiment ging bereits die Anwesenheit eines Handys mit einer geringeren Arbeitsgedächtnisleistung einher, auch wenn es nicht genutzt wurde. Ward et al., UT Austin, 2017 · 800 Teilnehmende.
Drei von fünf Lernenden berichteten von Ablenkung durch Geräte im Unterricht; diese ging mit niedrigeren Mathematikleistungen einher. PISA 2022 · rund 600'000 Lernende.
Psychische Gesundheit & die Pause
Einige der wichtigsten Auswirkungen schulischer Handyregelungen können sich ausserhalb des Unterrichts zeigen: im sozialen Miteinander, beim Thema Mobbing und in der Gestaltung der Pausen.
Die Norwegen-Studie (Abrahamsson, 2024) untersuchte 422 Sekundarschulen mit strikten Handyverboten. Die Studie berichtete von einem Rückgang des Cybermobbings um rund 43–46% sowie von besseren Indikatoren für die psychische Gesundheit von Mädchen und weniger entsprechenden Hausarztbesuchen.
Die Twenge-Analyse (2018) dokumentiert ab etwa 2010 einen starken Anstieg von Depression und selbstberichteter Einsamkeit bei US-Jugendlichen, parallel zur breiten Verbreitung von Smartphones. Die Analyse zeigt einen Zusammenhang, aber keinen Beweis für Kausalität.
Sapien Labs (2023) befragte 27'000 junge Erwachsene aus mehr als 40 Ländern. Ein früherer Zugang zum ersten Smartphone war mit einem geringeren selbstberichteten psychischen Wohlbefinden im Erwachsenenalter verbunden; der stärkste Zusammenhang wurde bei Frauen berichtet.
Psychische Gesundheit und Mobbing
Die Studie berichtete nach Handyverboten von weniger Cybermobbing sowie von besseren Indikatoren für die psychische Gesundheit von Mädchen. Abrahamsson, Norwegen, 2024 · 422 Sekundarschulen.
Depression und Einsamkeit nahmen bei US-Jugendlichen parallel zur breiten Smartphone-Verbreitung zu; die Studie zeigt einen Zusammenhang, keine Kausalität. Twenge et al., 2018.
Ein früherer Zugang zum ersten Smartphone war mit einem geringeren berichteten psychischen Wohlbefinden im Erwachsenenalter verbunden. Sapien Labs, 2023 · 27'000 junge Erwachsene.
Analog vs. digital
Digitale Werkzeuge können das Lernen unterstützen, ersetzen aber nicht automatisch die Vorteile von Handschrift, konzentriertem Lesen und direktem Austausch.
Handschrift und Tippen. Eine im Fachjournal Frontiers in Psychology veröffentlichte EEG-Studie berichtete beim Handschreiben komplexere Muster neuronaler Vernetzung als beim Tippen auf einer Tastatur. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Formen von Buchstaben mit der Hand Lernprozesse anders unterstützen kann.
Lesen auf Papier und am Bildschirm. Forschung zum Vergleich der Leseformate findet häufig Vorteile für Papier bei Sachtexten, nicht aber bei erzählenden Texten. Die Ergebnisse hängen zudem von Aufgabe und Kontext ab.
Der UNESCO-Bericht Technology in Education (2023) warnt vor dem Einsatz von Technologie ohne klaren pädagogischen Mehrwert. Technologie soll Unterricht und menschliche Interaktion unterstützen, nicht ersetzen.
Der Schweizer Kontext
Die Forschung ist international, während die Umsetzung in der Schweiz je nach Kanton, Gemeinde und Schule unterschiedlich ausfällt. Mehrere Behörden haben strengere Regeln für die Smartphone-Nutzung während des Schultags eingeführt oder angekündigt.
Eltern- und Lehrpersoneninitiativen wie Smartphonefreie Schulen und die Schweizer Elterninitiative Digitale Balance setzen sich für klarere Grenzen im Umgang mit Smartphones während des Schultags ein. Die Grundidee ist einfach: weniger Geräte im Schulalltag und mehr Raum für Lernen und direkten Austausch.
Forschung zeigt, warum Schulen den Umgang mit Smartphones neu bewerten. LOKD bietet einen praktischen Weg, eine schriftliche Regel konsequent im Schulalltag umzusetzen. Die Geräte bleiben bei den Lernenden, während das Einsammeln und Aufbewahren entfällt.
Studien im Detail
Öffentliche Quellen zu den wichtigsten auf dieser Seite genannten Studien sowie weitere Berichte, die bei der Erstellung berücksichtigt wurden.
Im Experiment ging die Nähe zum Handy mit einer geringeren Arbeitsgedächtnisleistung einher. 800 Teilnehmende, drei Bedingungen: Tisch, Tasche oder anderer Raum.
Quelle91 britische Schulen, 130'000 Lernende. Die durchschnittlichen Prüfungsleistungen stiegen um 6,4% einer Standardabweichung; die grössten Verbesserungen zeigten sich bei leistungsschwächeren Lernenden.
QuelleRund 600'000 Lernende in 81 Ländern. Drei von fünf berichteten von Ablenkung durch Geräte; diese ging mit niedrigeren Mathematikleistungen einher.
Quelle422 Sekundarschulen. Die Studie berichtete von rund 43–46% weniger Cybermobbing und besseren Indikatoren für die psychische Gesundheit von Mädchen.
QuelleDepression, Selbstverletzung und Einsamkeit nahmen bei US-Jugendlichen ab etwa 2010 stark zu, parallel zur breiten Smartphone-Verbreitung. Die Studie zeigt einen Zusammenhang, keine Kausalität.
Quelle27'000 junge Erwachsene aus mehr als 40 Ländern. Ein früherer Smartphone-Zugang war mit geringerem berichteten psychischen Wohlbefinden im Erwachsenenalter verbunden; der stärkste Zusammenhang zeigte sich bei Frauen.
QuelleIn der Studie schnitten Personen mit intensivem Medien-Multitasking bei mehreren Tests der kognitiven Kontrolle schlechter ab als Personen mit geringerem Medien-Multitasking.
QuelleBefragung von 1'200 Jugendlichen in Deutschland zu Smartphone-Besitz, täglicher Nutzung und allgemeinem Medienverhalten.
QuelleBefragung von 1'200 Kindern im Alter von 6–13 Jahren in Deutschland zu Smartphone-Besitz und Mediennutzung in der Primar- und Sekundarstufe I.
QuelleHochauflösendes EEG mit 36 Studierenden. Beim Handschreiben zeigte sich eine weiträumigere neuronale Vernetzung als beim Tippen auf einer Tastatur. Ein Kommentar in derselben Zeitschrift (2025) hinterfragt Teile der Interpretation; untersucht wurden Erwachsene, nicht Schulkinder.
QuelleDer UNESCO-Weltbildungsbericht fordert einen evidenzbasierten Einsatz von Bildungstechnologie und betont, dass sie menschliche Interaktion unterstützen, nicht ersetzen soll.
QuelleDeutsche Längsschnittstudie mit 1'200 Eltern-Kind-Paaren. Rund 24,5% der Minderjährigen zeigten eine riskante Nutzung sozialer Medien; die Bildschirmnutzung blieb nach der Pandemie erhöht.
QuelleVon der Forschung ins Klassenzimmer
Forschung deutet darauf hin, dass ein Handy die kognitive Leistung beeinflussen kann, auch wenn es stummgeschaltet ist und nicht aktiv genutzt wird.
In der LSE-Studie zeigten leistungsschwächere Lernende nach der Einführung von Handyverboten die grössten Verbesserungen.
Ein physischer Ablauf lässt sich oft konsequenter umsetzen als individuelle Software-Einstellungen allein.
Die Norwegen-Studie deutet darauf hin, dass Handyregelungen auch das soziale Miteinander, Cybermobbing und das Wohlbefinden ausserhalb des Unterrichts beeinflussen können.
Wie der Ablauf funktioniert
Ein klarer physischer Ablauf hilft Schulen, eine Handyregel konsequent in den Alltag zu integrieren.
Jede Person steckt ihr eigenes Handy in den Pouch.
Ein Druck auf den Knopf verschliesst den Pouch. Er bleibt bei der Person, in der Hand, Hosentasche oder Tasche, und lässt sich von Hand nicht mehr öffnen.
Den Pouch an einen LOKD Öffner halten. Er öffnet sich mit einer Bewegung.
Von der Forschung zur Umsetzung
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Erfahren Sie, wie die Umsetzung im Schulalltag funktioniert und wie Sie mit einem Pilot in einer oder zwei Klassen starten können.
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